
Nicht immer war über unserm Dorf eitler Sonnenschein. Allzuoft standen über Breitscheid dunkle Gewitterwolken. Mißernten, Fehde, Kriegsgeschrei, Seuchen, Heyenwahn, Großbrände und vieles andere suchten unser Dorf in den Jahrhunderten seines Bestehens heim und hielten allzuoft bittere Ernte.
Aus der Zeit vor dem 15. Jahrhundert fehlen uns Aufzeichnungen über die Nöte, die sich in unserem Dorf abgespielt haben mögen. Ohne Zweifel haben in den vorangegangenen Jahrhunderten die Einwohner ebenfalls mancherlei Heimsuchungen mitmachen müssen.
Durch ein Schreiben des Grafen von Nassau vom 28.11.1431 beschuldigte dieser den Grafen von Katzenbogen, daß seine Amtsleute, Diener und armen Leute in das Dorf Breitscheid gezogen seien, es verbrannt, eine Mühle zerschlagen, die Eisen daraus weggeführt und ihnen großen Schaden zugefügt hätten, der auf 800 Gulden geschätzt werde, ohne daß Fehde bestanden habe.
Im Jahre 1597 wird in den Annalen von Breitscheid erstmalig von dem Auftreten der Pest berichtet Diese meist tödliche Krankheit trat hier weiter auf in den Jahren 1614, 1623, 1626,1635 und 1636 Der Bürger Wöber von Her born berichtete am 30.Dezember 1597 an den Grafen Johann von Dillenburg über eine Unterstützung an das durch die Pest schwer heimgesuchte Breitscheid. Nach diesem Schreiben hat Wöber "in itzigen sterbensleuften" denen von Breitscheid u. a. Wein, Bier und Brot vorgestreckt. Als Bezahlung erhielt er neben Schafen von Breitscheid auch Schafte von anderen pestbefallenen Orten, die er auf dem Markt zu Mengerskirchen verkaufte.
1614 wütete die Pest fast im ganzen Amte Herborn. Sie wütete besonders zu Breitscheid, Medenbach, Erdbach und Schönbach gar sehr. Zur Verhütung von Ansteckungen ließen die Herborner niemanden aus diesen Dörfern in die Stadt. Zwei Herborner Bürger durften ihnen aber das Nötigste auf einen Acker in der Kallenbach hinaustragen. (Nach Steubings Topographie)
1626 kam zum Druck des Religionskrieges (1618-1648) erneut über die geplagte Menschheit die furchtbare Geisel der Pest. Die Soldaten hatten sie überall verbreitet.
1635: Mit dem Einfall der Mannsfeld'schen Truppen kam Hunger, Teuerung und Pest ins Land. Spielmann schreibt Nassau, und das dürfte auch für unser Dorf zutreffen: "Das ganze Land war mit einer einzigen zerstörten Stadt vergleichbar. Überall qualmende Trümmerhaufen, Blutlachen, verwesende Leichen, wilde Tiere, scheue skelettartige hungernde Menschen in den Wäldern, über all dem Grauen die giftigen Dünste der Pest. Ganze Familien wurden in kurzer Zeit von der Pest dahingerafft."-
Das älteste Sterbebuch von Breitscheid, das mit dem Jahre 1636 beginnt, enthält die Namen von sieben Einwohnern, die im Jahre 1636 hier an der Pest starben.Im gleichen Jahr wurde ein Bürger von Breitscheid - Peter Canz - ein Freund des göttlichen Wortes, auf dem Mark in Herborn von beutemachenden Soldaten erstochen.
Aber auch eine andere Seuche, nämlich die Pocken, hielten im 18.Jahrhundert in unserem Dorf reiche Ernte
Aus den Jahren 1628-1630 wird von großen Mißernten in unserem Dorf berichtet. Man war gezwungen, Brot aus Hanfkörnern, Eicheln und Wurzeln zu backen. Unser heutiges Hauptnahrungsmittel, die Kartoffel, kannte man damals noch nicht. Sie wurde hier erst 1730 eingeführt.
Hart hatte unser Dorf unter den Kriegszeiten des Dreißigjährigen Krieges zu leiden. 1622 rückte der Graf Anholt mit einem Corps von 12.000 Mann ins Dillenburgische ein. In Haiger wurden 800 Reiter einquartiert; alle Orte der Umgebung waren mit Truppen belegt. Die Truppen hielten schlechte Manneszucht. Weder Männer noch Frauen waren vor ihnen sicher.
1628: Einquartierung des Kaiserlichen.
1635: Unser Graf Ludwig Henrich zu Dillenburg hatte mit seinen Soldaten den Kaiserlichen die Festung Braunfels durch einen kühnen Hadstreich entrissen. Der kaiserliche Heerführer Philip von Mannsfeld schrieb daraufhin dem Grafen, er wolle sein Land so heimsuchen, daß er und seine Nachkommen dies gewiß nicht vergessen würden; es sollten alle Gebäude des Landes in Asche gelegt werden und kein Schweinestall solle mehr stehen bleiben. Zu allem Übel blieb die von Landgraf Wilhelm von Hessen versprochene Hilfe aus. Mannsfeld machte sich Anfang Mai auf, um Rache für Braunfels an unserem Ländchen zu nehmen. Fruchtbare Schrecken kamen über unser Land, Die Dillenburger zogen mit all ihrer Habe und ihrem Vieh auf die Dillenburger Festung, während die Bürger der Dörfer, und damit auch von hier, in den Wäldern Zuflucht nehmen mußten. Die armen Landleute hatten viel zu leiden. Die Mannsfeld'schen plünderten überall, nahmen Pferde, Kühe und Schafe weg, und Mißhandlungen waren an der Tagesordnung. Um sein Land nicht ganz dem Untergang preiszugeben, trat unser Graf 1635 zu den Kaiserlichen über.
In den Jahren um 1640 herrschte Tollwut unter den Wölfen des Westerwaldes, so daß niemand es wagen konnte, ohne geeignete Waffe von einem Dorf zum anderen zu gehen.
Im März 1640 kam unvermutet ein Kaiserliches Kommando unter Obrist Meuter in Dillenburg an, maschierte auf Breitscheid zu, nahm daselbst einige Pferde mit Gewalt ab und zog in Richtung Hachenburg ab.
Das schwärzeste Kapitel im Schuldbuch der Menschheit ist dasjenige über die Hexenverfolgung. Der Glaube an Hexerei und Zauberei ist uralt. Er konnte nur in einer Zeit entstehen, in der die Menschheit nur geringe Kenntnisse von den natürlichen Vorgängen besaß. Was sie sich nicht erklären konnten, deuteten sie falsch und sahen es als Zauberei an. Während im 12. Jahrhundert der Bischhof von Chartes sagte, das Heilmittel gegen das Hexentunwesen ist daß man "solche jammervollen Torheiten in keiner Weise Aufmerksamkeit würdigt", überstiegen in den folgenden Jahrhunderten die Phantasien über den Teufel und die Hexen jedes Maß. 1484 gab der Papst die berüchtigte Heyenbulle heraus. Hexerei wurde nun wie dei Ketzerei zu einem Verbrechen gestempelt und wie dei letztere den Inquisitionsverfahren unter Anwendung von Folter unterworfen.
Die Zahl der Unglücklichen, die dem Hexenwahn insgesamt zum Opfer fielen, wird auf einige Millionen geschätzt. Ihren Höhepunkt erreichten die Hexenverfolgung in unserer Heimat im 30jährigen Krieg, als man die Nöte der Zeit den Hexen zuschrieb. Es sollen in den Jahren 1629 bis 1632 in Dillenburg 35, in Herborn 90 und in Driedorf 30 Hexen hingerichtet worden sein.
Vier Breitscheider Frauen wurden am 30.Oktober 1629 mit fünf anderen Frauen in Herborn auf dem Hintersand hingerichtet. 1639 wurde das Urteil an zwei weiteren Frauen aus Breitscheid in Herborn vollstreckt. - Das Gefängnis für die Unglücklichen war der Hexenturm in Herborn, der heute noch steht. Die Folter befand sich im Schloß. Manch Personen starben im Gefängnis, nachdem sie zuvor gefoltert wurden.
1760, also im 7jährigen Krieg (1756-1763) hatte Breitscheid unter französischer Besatzung zu leiden, als der französische Unterfeldherr Voyer mit einem Bataillon Infanterie und mit Artellerie sein Hauptquartier hier bezog. -
Der deutsch-französische Krieg 1805-1806 brachte für unsere Gemeinde durch Besatzungstruppen erneut eine beträchtliche Belastung. - Als nach dem französisch-russischen Krieg 1812/1813 die Russen, als mit uns verbündet, auch in unserem Dorf Ouartier nahmen, wurde die ohnehin schon große Not noch größer. Damals galt die Devise: "Lieber drei Franzosen zum Feind, als einen Russen zum Freund." Aus dem deutsch-französischen Krieg 1870/1871 kehrten drei Teilnehmer von hier nicht zurück.
Der erste Weltkrieg 1914-1918 trug erneut großes Leid in unser Dorf. 29 Männer mußten ihr Leben lassen
Weit größeres Leid brachte der zweite Weltkrieg (1939-1945), in dem selbst unsere Heimat zur Front wurde. Dabei war unser Dorf besonders exponiert durch den Flugplatz "Auf der Hub".
84 Söhne unserer Gemeinde und 19 Angehörige unserer heimatvertriebenen Neubürger waren das Opfer des unsinningen zweiten Weltkrieges.
Materielle Schäden die sich aus Fliegerangriffen auf unser Dorf ergaben, waren außerordentlich hoch. Insbesondere der schwere Bombenangriff vom Sonntag, dem 11.März 1945, brachte für unser Dorf schwere Schäden. Eine Anzahl Häuser wurden vollkommen vernichtet, andere schwer beschädigt. Insgesamt fielen an jenem Sonntag zur Mittagszeit über 300 Bomben schweren und schwersten Kalibers.
Nur dadurch, daß dieser Bombenangriff ohne Erdsicht erfolgte, und deshalb die Mehrzahl der Bomben ins freie Feld fielen, wurde unser Dorf vor der völligen Vernichtung und vor noch weiteren Menschenopfern bewahrt. - Während der sofort einsetzende Bergungsarbeiten gingen noch stundenlang Bomben mit Zeitzündern hoch und brachten die Rettungsmannschaften in größte Gefahr.
Noch ist die damalige Zeit allzu lebhaft in unserer Erinnerung. Insbesondere waren es die letzten Kriegsmonate des Jahres 1945, als sich die Bombenabwürfe häuften und Nacht für Nacht ein Störflieger Unruhe in die Dörfer unseres Kreises hineintrug, indem er einmal hier, dann wieder an einem anderen Ort seine Bomben abwarf oder mit Bordwaffen erkannte Ziele angriff. In dieser Zeit fand unsere Bevölkerung Schutz in den ausgedehnten Grubenanlagen der Braunkohlegruben und der Tongrube der Westerwälder Tonindustrie. - Nach den schweren Fliegerangriffen auf den Flugplatz hatte in der Tongrube auch die Befehlsstelle der Luftwaffe und gegen Schluß des Krieges noch eine Sanitätsabteilung der Luftwaffe eine sichere Unterkunft gefunden.