So kamen auch in unserem Tunnel, in den zur Aufnahme der Motorenproduktion weitere Hohlräume gesprengt wurden, hunderte von Zwangsarbeitern zum Einsatz. Sowjetrussen, Polen, Franzosen, Holländer und Belgier waren wohl dabei, wenn die Zeitzeugen die Nationalitäten richtig in Erinnerung haben. Sogar Frauen waren darunter. Jedoch wurden keineswegs alle diese in Langenaubach „stationierten“ Arbeitskräfte bei den „Holzwerken“ eingesetzt. Ein Teil, vor allem russische Frauen, war auf der Eisenerzgrube „Constanze“ beschäftigt.
Untergebracht waren sie auf unterschiedlichste Art und Weise. Ein Teil von ihnen lebte in Holzbaracken, die nahe am Tunneleingang eigens für diese Zwecke aufgestellt worden waren. Andere waren privat einquartiert. Vertreter der westlichen Nachbarnationen waren es überwiegend - ein Privileg trotz aller Zwangsmaßnahmen. Denn sie hatten es deutlich besser als die Russen, die im Vereinsheim des Langenaubacher CVJM eingepfercht waren.
Auf engstem Raum schliefen die Männer aus dem Osten Europas und aus den asiatischen Weiten. Die sanitären Anlagen bestanden lediglich aus einem Loch hinter dem Gebäude, zu dem nur noch ein einfacher Baumstamm als „Donnerbalken“ gehörte. Langenaubacher, die in die Nähe dieses Hauses kamen, erinnern sich noch heute an den Gestank, der von der Umgebung dieser Menschen ausging, die keinerlei Chance hatten, die einfachsten Grundregeln der Körperhygiene einzuhalten.
Welcher Art die Arbeiten waren, die sie im Tunnel verrichten mussten, ließe sich vielleicht heute noch herausfinden. Einige wenige der einstigen Zwangsarbeiter und –arbeiterinnen dürften heute noch leben. Aber ihre Spur hat sich verloren, irgendwo zwischen der Bretagne und Sibirien.
Die Einheimischen konnten es damals nicht herausfinden. Streng bewacht war der Eingang des Tunnels. Die „Mitarbeiter“ der „Organisation Todt“ ließen keinen Zivilisten in die Nähe kommen. Was diese noch aus der Ferne herausfinden konnten: Mit Luftangriffen rechneten die neuen „Unternehmer“ wohl von vornherein, denn das kleine Eisenbahnviadukt wenige Meter vor dem Tunneleingang passten sie mit Tarnfarben der Umgebung an.
Quelle: "Geschichten um den Balkan-Express" von Ulrich Horch

